Queerpolitik in Bayern Geschichte und Meilensteine
Queeres Leben in Bayern hat Geschichte und Zukunft. Was heute selbstverständlich erscheint, war das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe, mutiger Engagierter, Initiativen und Bündnisse.
Von den ersten CSDs über organisierte Communities bis hin zu ersten politischen Erfolgen: Schritt für Schritt wird queere Vielfalt sichtbarer, Rechte wurden erkämpft und Strukturen aufgebaut. Diese Chronik zeigt zentrale queerpolitische Meilensteine in Bayern und unserer Arbeit.
Mehr zu queerer Geschichte findest du auch bei queeren Archiven, wie dem Forum Queeres Archiv München.
Wenn du selbst an einem wichtigen Moment beteiligt warst oder historische Materialien beitragen möchtest, freuen wir uns über eine Nachricht! Mehr Infos gibt es auch hier.
08.03.2026
Mit der Kampagne “Kommunal. Queer.” machen sich 50 queere Lokalpolitiker*innen mit dem LSVD+ Bayern für vielfältige und sichere Kommunen im Freistaat stark.
29.01.2025
Die Mitgliederversammlung des LSVD Bayern beschließt einstimmig eine Namensanpassung - von "Lesben- und Schwulenverband" hin zu "LSVD+ Verband Queere Vielfalt in Bayern".
22.06.2024
LSVD Bayern feiert 25. Jubiläum beim CSD München - mit einem Auftritt bei der Demoparade und einer Bühnenaktion bei der Regenbogen-Cupcakes verteilt werden
13.03.2024
25. Jubiläum des LSVD in Bayern
08.02.2024
LSVD und Bündnis aus Gewerkschaften, queeren Organisationen, hochschulpolitischen Akteur*innen und zivilgesellschaftlichen Initiativen wenden sich in einem offenen Brief an den Bayerischen Landtag, um gegen das von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) angekündigte “Genderverbot” in Bayern zu protestieren
16.01.2024
Auftaktveranstaltung des Bayerischen Sozialministeriums zum “Beteiligungsprozess zum Bayerischen Aktionsplan Queer” in München
13.11.2023
Kundgebung vor der Bayerischen Staatskanzlei für einen wirksamen “Aktionsplan Queer” in Bayern mit Übergabe des zivilgesellschaftlichen Maßnahmenkatalogs und über 16.000 Petitionsunterschriften gemeinsam mit dem Netzwerk der bayerischen CSDs und Akteur*innen der zivilgesellschaftlichen Aktionsplan-Konferenz
Pride-Saison 2023
Bayerische CSDs und Organisationen schließen sich zur Kampagne “Queerer Aktionsplan Bayern – Jetzt!” zusammen und sammeln Petitionsunterschriften
08.09.2023
Zivilgesellschaftliche Aktionsplan-Konferenz in München - über 70 Akteur*innen aus ganz Bayern sammeln unter Federführung des LSVD Bayern queerpolitische Maßnahmen für Bayern, es entsteht der “Zivilgesellschaftliche Maßnahmenkatalog für einen wirksamen Bayerischen Landesaktionsplan für sexuelle, romantische und geschlechtliche Vielfalt”
06.06.2023
LSVD Bayern wird als erster queerer Verband Bündnispartner des Volksbegehren “Vote16” für eine Absenkung des Wahlalters auf 16
18.03.2023
Ministerpräsident Söder gibt Forderung nach einem Bayerischen Aktionsplan gegen Queerfeindlichkeit nach - in einer Folge des Podcast „Auf eine weiß-blaue Tasse“
25.10.2022
15. Wunsiedler Forum zum Thema „Im Eifer des Geschlechts Geschlechterdiskriminierung – Formen, Ebenen und Handlungsansätze” mit Hauptvorträgen von Markus Apel (Vorstand des LSVD Bayern) und Lisi Maier (Direktorin der Bundesstiftung Gleichstellung)
17.05.2022
Start einer neuen Petition “Bayerischer Aktionsplan LGBTIQ* für Gleichstellung”
22.03.2022
Der LSVD Bayern wird erster queerer Verband im Bayerischen Bündnis für Toleranz
11.02.2022
Übergabe von 14.622 Unterschriften der Petition „Queer und sichtbar in den Medien – LSBTIQ* in die bayerischen Rundfunk- und Medienräte“ im Bayerischen Landtag (abgelehnt)
02.08.2021
Start des Kooperationsprojekts “Queeres Netzwerk Bayern” des LSVD, gemeinsam mit dgti e.V. und BJR + erstmalige bayerische Förderung von landesweiten queeren Beratungsstellen und anderen Projekten
10.03.2021
Start der Petition ”Queer und sichtbar in den Medien - LSBTIQ* in die bayerischen Rundfunk- und Medienräte” in Kooperation mit der Queer Media Society
01.08.2020
Petition für die Anerkennung von LGBTI*-Geflüchteten als vulnerable Gruppe durch die Bayerische Staatsregierung und damit verbundene geschützte zentrale oder dezentrale Unterkünfte
14.05.2020
Positive Ausschussempfehlung zu queerer Beratung, Gesundheitsversorgung für trans* Personen & Aufarbeitung des Unrechts von §175:
Sozialausschuss des Bayerischen Landtags empfiehlt der Staatsregierung drei Anträge des Antragspakets „Verbesserung der Situation von LGBTIQ* in Bayern I-VI“ von SPD, Landtags-Grünen und FDP-Fraktion anzunehmen
19.02.2020
Übergabe der Petition “Aktionsplan Queeres Bayern” an den Bayerischen Landtag gemeinsam mit der Initiatorin Uschi Unsinn vom Bündnis gegen Trans- und Homophobie Nürnberg
14.11.2019
Erste queerpolitische Anhörung im Bayerischen Landtag zum Thema „Akzeptanz von LGBTIQ*-Personen in Bayern“ unter Beteiligung des LSVD
6.03.2018
Die bayerische Staatsregierung verkündete am 6. März 2018 offiziell, auf eine Klage gegen die Ehe für alle zu verzichten.
1.10.2017
Gleichgeschlechtliche Paare werden heterosexuellen Paaren gleichgestellt: Das Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts (EheRÄndG), auch „Ehe für alle“ genannt, ersetzt die eingetragene Lebenspartnerschaft, die mit den gleichen Pflichten, aber weniger Rechten ausgestattet war, und ermöglicht nun Personen gleichen Geschlechts, eine zivilrechtliche Ehe einzugehen.
Die Staatsregierung von Bayern unter Horst Seehofer kündigt daraufhin an, eine Klage gegen die Ehe für alle vor dem Bundesverfassungsgericht prüfen zu lassen. Dafür wurden zwei juristische Gutachten im Wert von rund 40.000 Euro erstellt, die jedoch selbst zu dem Ergebnis kamen, dass eine Klage geringe Erfolgsaussichten hätte und die Eheöffnung wohl verfassungsgemäß ist. 2018 verzichtete Bayern deshalb offiziell auf eine Klage gegen die Ehe für alle.
13.03.1999
Gründung des Landesverbandes in Bayern im Münchner Café Regenbogen
18.02.1990
Unser Verband wird in Leipzig als „Schwulenverband in der DDR“ (SVD) gegründet.
19.05.1987
Der Maßnahmenkatalog von Staatssekretär Peter Gauweiler gegen Aids tritt in Kraft: „Ab sofort werden in Bayern Ansteckungsverdächtige zur Durchführung des HIV-Tests vorgeladen“ (Landesinnenminister August Lang, CSU). Als ansteckungsverdächtig gelten Prostituierte, Junkies und Schwule. „Kommen die Betroffenen der Vorladung nicht nach, veranlasst die Gesundheitsbehörde die Aufenthaltsermittlung und Vorführung durch die Polizei.“ HIV-positiven Ausländern wird keine Aufenthaltserlaubnis erteilt, die Einstellungsunterlagen im öffentlichen Dienst sollen auf Aids erweitert werden. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Horst Seehofer wird im „Spiegel“ mit dem Plan zitiert, Infizierte in „speziellen Heimen“ zu „konzentrieren“. Eigentliches Ziel ist die Zerschlagung der schwulen Infrastruktur. Es finden Großdemos statt, doch der Katalog bleibt bis 2001 in Kraft. Mehr Infos zum Hören
28.06.1980
Die erste „Stonewall-Demonstration“, vom Sendlinger Tor über Viktualienmarkt und Odeonsplatz zur Universität mit rund 120 Männern und 30 Frauen, gilt als Geburtsstunde des Münchner CSD (nach Bremen, Köln, Stuttgart, Hamburg und Berlin 1979).
1978
Im Sommer 1978 wurde die „Schwulengruppe Fliederlich” in Nürnberg gegründet, als eine der ersten schwulen Emanzipationsgruppen in Deutschland. Nach über vier Jahrzehnten – Jahre voller Aktivitäten und gegen so manche Widerstände – hat aus einer kleinen alternativen Gruppe das weithin anerkannte Queere Zentrum Fliederlich Nürnberg entwickelt. Mehr Infos hier
4.-7.06.1976
Erste schwule Demo Bayerns: Auf dem Pfingsttreffen der schwulen Aktionsgruppen vom 4. bis 7. Juni 1976 in München gibt es eine Spontandemonstration von etwa 200 Schwulen im Schlosspark Nymphenburg und Infostände. (Die erste Schwulendemo in der Geschichte der Bundesrepublik fand bereits 1972 in Münster statt.)
1975
Der VSG legt erstmals einen Kranz in der KZ-Gedenkstätte Dachau nieder, um an die verfolgten Homosexuellen während der Zeit des Nationalsozialismus zu erinnern.
18.03.1974
Der „Verein für sexuelle Gleichberechtigung“ gründet sich. Seine Ziele sind u.a. der Abbau von Vorurteilen gegenüber homosexuellen Menschen, die Abschaffung des §175 sowie später die Unterstützung einer Aids-Hilfe und das Gedenken an die homosexuellen Opfer der NS-Zeit. Diese Ziele sollen durch Aufklärungsarbeit bei den Parteien, den Kirchen, Schulen, der Presse und vielen gesellschaftlichen Gruppen erreicht werden.
15.01.1973
Der Bayerische Rundfunk schaltet sich bei der Sendung des Praunheim-Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers …“ aus dem ARD-Programm aus. Im Herbst 1971 hatte die Ständige Programmkonferenz durch Mehrheitsbeschluss die Ausstrahlung des Films im Ersten Programm noch abgelehnt, woraufhin am 31. Januar 1972 der WDR den Film zum ersten Mal sendete.
9.11.1971
Gründung des ersten Schwulenvereins nach 1945, der „Homosexuellen Aktions-Gruppe München“ (HAG, später HAM). Die HAM trifft sich in der Deutschen Eiche und macht ab ca. 1972 Infostände in der Fußgängerzone und an anderen Plätzen Münchens. Sie löst sich 1980 auf.
1971
Im Zuge des Beginns der zweiten Frauenbewegung in Deutschland findet in München eine erste Demo gegen §218, der Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellt, mit Frauen, Lesben und Männern statt. Der Slogan „Mein Bauch gehört mir“ entsteht.
1967
Der Ochsengarten eröffnet unter Wirtin Augusta Wirsing („Gusti“) als Schwulenlokal in der Müllerstraße 47 und ist heute Deutschlands ältestes Lederlokal.
1966
Forderung nach Überwachung: Die CSU fordert die Schließung aller homosexuellen Kneipen und die Überwachung der Treffpunkte; Ablehnung durch Polizeipräsident Schreiber.
8.05.1945
Befreiung des KZ Dachau: Am 8. Mai 1945 endet der Zweite Weltkrieg und die Herrschaft der Nationalsozialisten. Die Befreiung des KZ Dachau und seiner Außenlager erleben auch über 100 homosexuelle Häftlinge, darunter zahlreiche aus München. Homosexuelle Strafhäftlinge bleiben weiterhin in Haft.
1937
Staatliche Homosexuellenverfolgung: Gauleiter Adolf Wagner weist die bayerischen Polizeipräsidenten an: „Es muss alles versucht werden, um dieses widernatürliche Laster mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auszurotten.“ Rudolf Peters stirbt mit 50 Jahren als erster aus München stammender Homosexueller im KZ Dachau. Insgesamt werden im Deutschen Reich zwischen 1933 und 1945 knapp 50.000 Männer wegen Homosexualität verurteilt. Etwa 5000 bis 6000 kommen in ein Konzentrationslager, wo sie einen rosa Winkel tragen müssen.
20.10.1934
Großrazzia in Bayern: Am 20. Oktober 1934 findet eine antihomosexuelle Großrazzia in Bayern „von abends 10 Uhr bis morgens 4 Uhr“ statt mit 145 Festnahmen in München, zahlreiche Einweisungen von Schwulen in das 1933 eröffnete KZ Dachau, wo bis 1945 insgesamt mehr als 100 homosexuelle Münchner (insgesamt ca. 600 Homosexuelle) inhaftiert sind.
1933
Nationalsozialismus: Vom 30. Januar bis zum 8. Mai 1945 herrschen die Nationalsozialisten. Schon 1928 erklärt die NSdAP: „Wer an Mann-männliche oder Weib-weibliche Liebe denkt, ist unser Feind“. Zerstörung von Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft am 6. Mai 1933, Zerschlagung der ersten Frauenbewegung, Auflösung von Vereinen und Lokalen und damit der Infrastruktur der homosexuellen Emanzipationsbewegung. Schwule, Lesben und andere queere Menschen werden verfolgt, viele inhaftiert, gefoltert und ermordet.
1902
Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitee München: Das „Wissenschaftlich-humanitäre Komitee München“ (WhK) wird als erster Verein für die Interessen der Münchner Homosexuellen gegründet. Vorsitzender wird der Apotheker Joseph Schedel. Das WhK organisiert Vorträge und Petitionen und will über das „Wesen der mann-männlichen Liebe“ aufklären. Es besteht bis 1908.
1871
Inkrafttreten des §175: Das Strafgesetzbuch des neu gegründeten Deutschen Reiches, zu dem nun auch Bayern gehört, tritt in Kraft. §175 lautet: „Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ Es werden „nur“ noch männliche Homosexuelle bestraft.
29.08.1867
Die Rede Karl Heinrich Ulrichs’: Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895) protestiert auf dem Deutschen Juristentag in München gegen die in den anderen deutschen Staaten geltenden Paragrafen gegen „widernatürliche Unzucht“ und fordert die rechtliche Gleichstellung der Homosexuellen, wird jedoch niedergeschrien. Hier mehr zum Lesen und Hören.
1813
„Widernatürliche Lust“: Im Strafgesetzbuch für das Königreich Bayern, ausgearbeitet von dem Rechtsgelehrten Paul Johann Anselm Feuerbach, ist eine Verfolgung der bis dahin strafbaren „widernatürlichen Lust“ nicht mehr vorgesehen: Feuerbach schafft damit nicht nur die Folter ab, sondern auch alle Strafen, die in die freie Lebensentfaltung eingreifen.
1751
Inkrafttreten des „Codex iuris bavarici criminalis“: In diesem von dem bayerischen Rechtswissenschaftler Wiguläus von Kreittmayr verfassten Gesetzeswerk heißt es im „Sechsten Capitul, §11“: „Fleischliche Vermischung mit dem Vieh, toten Körpern oder Leuten einerlei Geschlechts, als Mann mit Mann, Weib mit Weib, werden nach vorgängiger Enthauptung durch das Feuer gestraft.“
1378
Erster Beleg für die Verfolgung Homosexueller: Das Ratsbuch der Stadt München berichtet, ein Heinrich Schreiber habe unter Androhung der Folter gestanden, sich mit einem fahrenden Scholaren sexuell vergnügt zu haben – der erste Beleg für die Verfolgung „sodomitischer“ Handlungen in München. Über Schreibers weiteres Schicksal ist nichts bekannt.